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Survey-Karten und ihre Fallstricke

Anlass: Die Karte „A fascinating map of the world's most and least racially tolerant countries" (Max Fisher, Washington Post, 15.05.2013) wurde in der OME-Gruppe geteilt. Rohdaten: raw/other/2026-09-16_wapo-racial-tolerance-map.md und raw/other/2026-09-16_herman-kritik-wapo-toleranzkarte.md.

Die Karte zeigt den Anteil der Befragten, die „people of another race" nannten, als sie auswählen sollten, wen sie nicht als Nachbarn haben möchten — Datenquelle: World Values Survey, Frage A124_02 (heute Welle 7: Q19). Farbig von dunkelblau (04,9 %) bis dunkelrot (40 %+, Indien und Jordanien).

Warum solche Karten mehr behaupten, als sie belegen

Eine Weltkarte wirkt fertig. Sie suggeriert Vergleichbarkeit über alle Länder, einen einheitlichen Maßstab und eine Rangfolge. Genau das leistet eine einzelne Survey-Frage nicht:

  1. Zeitstempel-Salat: Die Länderwerte stammen aus verschiedenen Erhebungsjahren — bei Erscheinen reichten sie laut Fisher bis 1990 zurück. Ein Choropleth, der 1994er- neben 2012er-Daten legt, zeigt keinen Ländervergleich. Fisher räumte selbst ein: „we're assuming the results are static, which might not be the case" — und veröffentlichte die Karte trotzdem.
  2. Nicht operationalisierbar über Grenzen: „Andere Hautfarbe" hängt vom Rassenkonstrukt des jeweiligen Landes ab. Derselbe Fragecode bedeutet in Frankreich, Nigeria und Indien drei verschiedene Fragen. Auch die Antwortmenüs unterschieden sich je Land (Iran: Zoroastrier; Peru: „Juden, Araber, Asiaten, Zigeuner …").
  3. Defekte Datenpunkte: Im gleichen Fragenblock Iran 2000 — 0,9 % Ablehnung homosexueller Nachbarn; Iran 2007 — 92,4 %. Pakistan 2001 — 100 % ohne Einwand. Solche Sprünge sind Erhebungsunfälle, keine Einstellungsänderungen.
  4. Widersprüchliche Indizien: Pakistan hell (hoch tolerant), Indien als einziges Land über 40 % — zwei Nachbarn mit vergleichbarer Gesellschaftsstruktur, diametral entgegengesetzte Werte.
  5. Gemessen wird soziale Distanz, nicht Rassismus: Wer in einer 95 % ethnisch homogenen Nachbarschaft lebt, hat einen anderen Bezug zur Frage als jemand in einem Einwanderungsviertel. Selbstauskunft über Vorurteile ist zudem das unzuverlässigste Maß.
  6. Grau verschwindet optisch: Fehlende Daten (weite Teile Afrikas, Zentralasien) wirken als Nebenaspekt, nicht als Lücke.

Die Washington Post reagierte auf die Debatte mit einem Nachfolgebeitrag, in dem der Konfliktforscher Steve Saideman die Grenzen der Metrik einordnete; die Kritik „The Cartography of Bullshit" (Africa is a Country, 17.05.2013) ist die bekannteste Gegenstimme.

Was trägt — und was nicht

  • Trägt: der grobe Nord-Süd- beziehungsweise West-Nichtwest-Gradient, der in späteren WVS-Wellen grob reproduziert wird. Die Aussage „Deutschland liegt in der niedrigsten Kategorie" hält.
  • Trägt nicht: die Rangfolge zwischen einzelnen Ländern auf Dezimalstellenebene — und genau die ist der Reiz solcher Grafiken.
  • Trägt besser: die Trendbetrachtung innerhalb eines Landes über Wellen hinweg. Für Deutschland nennt eine Auswertung des King's College London Policy Institute („Love thy neighbour?"), dass der Anteil derer, die Menschen anderer Hautfarbe als Nachbarn ablehnen, in jeder Generation unter 2 % liegt.

Übertragbare Faustregel

Bei jeder geteilten Survey-Karte zuerst drei Fragen: Wer wurde wie gefragt? Wann, in welcher Welle? Und was fehlt in Grau? Erst danach die Rangfolge lesen — wenn überhaupt. Und bei WVS speziell: Trends innerhalb eines Landes sind belastbar, Ländervergleiche auf Dezimalstellen sind es nicht.

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